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Bruttogeburtenrate

Dieser Tage ging mal wieder die Story vom Aussterben der Deutschen um - eigentlich wollte das HWWI zwar auf etwas anderes hinaus, aber sei’s drum.

Gemessen wird das Aussterben mit der Kennzahl der Bruttogeburtenziffer, von Eurostat definiert wie folgt:

Die Bruttogeburtenziffer setzt die Anzahl der Geburten in einem Jahr zur durchschnittlichen Bevölkerung im selben Jahr ins Verhältnis. Der Wert wird ‘je 1 000 Personen’ ausgewiesen.

Und da schneidet Deutschland im Vergleich ziemlich schlecht ab. Pro 1 000 Personen bekommen wir noch weniger Kinder als die Japaner. Die Aufregung war groß.

Zu Unrecht, weil die Ziffer Quatsch ist. Denn was sagt sie denn aus? Von 1 000 Menschen in Deutschland sind nur circa 509 weiblich, und nur 127 davon sind zwischen 20 und 401 Jahren alt. Mit anderen Worten umfasst die “Bruttogeburtenziffer” zu viele Variablen, um ein guter KPI zu sein.

Insgesamt spielt auch eine Rolle, wie alt Frauen2 werden. Je mehr Frauen in einem Land älter als 40 Jahre sind, desto geringer wird die Bruttogeburtenziffer sein. Und je weniger Frauen zwischen 20 und 40 Jahren alt sind, desto weniger Kinder können geboren3.

Um die Fertilität einer Gesellschaft zu messen verwendet man übrigens die Geburtenziffer. Das ist die Anzahl der geborenen Kinder je Frau. Dieser Wert liegt seit den 70ern bei 1,4. “Bestandserhaltend” wären 2,1.

Für die Statistik-Nerds gibt’s hier eine spannende Studie: “Wie wirkt sich der Geburten­aufschub auf die Kohorten­fertilität in West und Ost aus?”. Viel Spaß.

Warum sind aber vermeintlich arme Gesellschaften so viel fertiler? Erstens werden wesentlich weniger Menschen älter als 49. Zweitens wird weniger verhütet. Drittens sind Frauen oft früher im Leben schwanger. Das allein erklärt aber weder die unterschiedliche Fertilität noch die unterschiedliche Geschwindigkeit, mit der sie sich in verschiedenen Ländern der “dritten Welt” verändert hat. Welche Faktoren verantwortlich sind, und mit welcher Gewichtung, darüber herrscht unter Demografen Uneinigkeit. Siehe “Familienplanungsprogramme und Geburtenkontrolle in der Dritten Welt”.

1 Nur Frauen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr zu betrachten, ist eine grobe, aber zulässige Vereinfachung. Ausreißer nach oben und unten gibts natürlich. Die Geburtenziffer betrachtet übrigens alle Frauen zwischen 15 und 49 Jahren. Etwas weiter, deckt aber natürlich immer noch nicht alle Extreme ab.

2 Das Alter der Männer ist wohl, so lange es sie in ausreichender Anzahl gibt, ziemlich egal.

3 Was denn auch bedeutet: Je mehr Frauen älter als 49 sind, desto weniger Kinder werden geboren.

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