itst-Elfitst.net — 100 % β

Pro-bono-Beratung - Kostenlos, aber nicht umsonst.

Warum Moderation wichtig ist

Common Craft - Online Community Strategies: Broken Windows Theory and Your Web Site

Die Kurzfassung: an einem Haus mit einem längere Zeit zerschlagenen, nicht repariertem Fenster wird man bald weitere kaputte Fenster sehen.

Warum? Die Theorie sagt, das ein eingeschlagenes Fenster, das nicht repariert wird, dazu führt, das bald weitere Fenster eingeschlagen werden, weil man das Gefühl hat, das sich niemand um die Fenster kümmert.

Übertragen auf Gemeinschaften aller Art (also nicht nur Online Communities) bedeutet das: sieht man ein eingeschlagenes Fenster, muss man schnell handeln und den Schaden reparieren.

Mit anderen Worten: ohne aktive, also eingreifende, Moderation geht eine Gemeinschaft langsam aber sicher zugrunde. Ausnahmen bestätigen jedoch auch hier die Regel: kleine Gemeinschaften, bei denen sich die Mitglieder auch untereinander kennen, kommen oft ohne Moderation aus bzw. können sich selbst moderieren, wenn sie sich auch ein Regelwerk geeinigt hat. Ist die Gruppe geschlossen, muss dies nicht explizit geschehen, sondern kann in Form eines ungeschriebenen Gesetztes existieren.

Ist die Gruppe jedoch offen, und kommen regelmäßig neue Mitglieder hinzu, muss das Regelwerk für alle sichtbar sein. Vor allem muss dann dafür gesorgt werden, das es durchgesetzt wird; dies kann entweder durch die Mitglieder selbst oder durch einen oder mehrere Moderatoren erfolgen.

Erreicht die Gemeinschaft eine unüberschaubare Größe, so kommt man kaum an Moderatoren vorbei, deren einzige Aufgabe darin besteht, das Regelwerk durchzusetzen.

Natürlich könnte man auch auf die Selbstheilungskräfte der Gemeinschaft zu setzen und auf explizit ernannte Moderatoren verzichten. Implizit werden sich dennoch Moderatoren herausbilden, Mitglieder mit Vorbildfunktion, die bei Streitfällen angerufen werden.

Der Zeitpunkt, an dem eine Gemeinschaft definitiv ohne Moderatoren nicht mehr auskommt, ist jedoch spätestens dann erreicht, wenn Konflikte nicht mehr gelöst werden, sondern durch Eingriffe der Mitglieder weiter verschärft werden. Ein Moderator hat den Vorteil, kein normal agierendes Mitglied der Gemeinschaft zu sein, sondern kann sich auf seine Sonderrolle berufen, ohne persönlich in den Konflikt involviert zu sein. Dadurch hebt er sich ab und kann das Regelwerk durchsetzen und für Ordnung sorgen.

Update (aus dem [Geocaching-Forum][gc]):

[gc]: http://www.geocache-forum.de/viewtopic.php?p=15240#15240

shinebar hat folgendes geschrieben:
Edit: Ich hab’s gelesen und das sind alles wilde Behauptungen ohne Beweise - so what, ich erstelle Dir gerne eine Seite, auf der genau das Gegenteil behauptet wird. Und jetzt erklär mir mal, wie das Usenet, zweifelsohne eine riesige Community, mit extrem wenig “Moderation” auskommt.

Hi Shinebar,

weder sind die Thesen in meinem Text wilde Behauptungen ohne Beweise, noch ist das Usenet ein gutes Vergleichsbeispiel.

Jede menschliche Gemeinschaft braucht Regeln als Basis. Egal wovon wir sprechen, vom Gesellschaftsvertrag der Aufklärung bis zum Grundgesetz von Heute, von Staaten, Unternehmen oder Vereinen, von Freundeskreisen, Partnerschaften oder Familien. Überall gibt es Regeln. Die sind nicht immer in dicken Büchern Punkt für Punkt aufgeschrieben. Manchmal sind es ‘ungeschriebene Gesetze’, manchmal nur ein paar Sätze in Form eines ‘Mission Statement’, manchmal im Form von mündlich weitergegebenen ‘Moralvorstellungen’. Hat eine Gemeinschaft keine Regeln, spricht man von Anarchie. Anarchie bedeutet, das jeder tun und lassen kann, was er will. Im wörtlichen Sinne. Du passt mir nicht - *peng*.

Das gilt für virtuelle Gemeinschaften genauso wie für die vorher aufgeführten real life Gemeinschaften. Wenn in einem Forum jeder schreiben würde, was er will, bräuchten wir keine thematisch spezifizierten Foren. Ein großes Forum, in dem jeder schreiben könnte, würde völlig genügen.

Die Wahl eines Themas an sich ist bereits eine erste formulierte Regel: der Inhalt dieses Forums ist X. Damit signaliert das Forum, das Beiträge zum Thema X willkommen sind, zum Thema Y aber nicht unbedingt. Das ist eine Regel.

Weiterhin, je nach Größe und Zusammenhalt der Gemeinschaft, merkt man über kurz oder lang, das diese eine Regel nicht ausreicht. Hier ein Spammer (also jemand, der ständig aus jedes Thema antwortet, ohne inhaltlich etwas beizutragen und damit den Diskussionsfluß stört), dort ein unangenehmer Zeitgenosse (der andere beleidigt, verunglimpft oder gar bedroht). Aber auch Kleinigkeiten fallen schnell unangenehm auf: riesige Banner in Signaturen, Links auf illegale Inhalte, permanente Private-Mails-Schreiber, Werbe-Spammer - außerdem gilt es natürlich, Benutzer zu beschwichtigen, die auf einander losgehen (Flamewars sind nur eine Form dieser Sache).

Formuliert man diese Vergehen in einem kurzen Text und sagt dazu klar ‘Das wollen wir hier nicht’, sorgt man dafür für Sicherheit für die Benutzer und für die Betreiber/Moderatoren. Für die Benutzer ist dieser Text eine klare Angelegenheit. Sie wissen jetzt was nicht gern gesehen ist, kennen die Konsequenzen und wissen, an wen sie sich wenden müssen, wenn ihnen etwas im Forum auffällt. Für die Moderatoren ist der Text sozusagen Arbeitsanweisung. Sie können sich darauf verlassen, das ihre Aktionen, solange sie vom Text gedeckt sind, von den Betreibern sanktioniert und den den Benutzern akzeptiert werden.

Das Usenet, shinebar, ist an sich erstmal keine Gemeinschaft, sondern ein Vehikel. Gemeinschaften heißen innerhalb des Usenets Newsgroups. Manche Newsgroups sind unmoderiert, d. h. es gibt keinen Moderator, niemand mit den Befugnissen, Posts zu löschen oder zu verschieben, oder gar zu filtern (Filtern: Posts erscheinen erst nachdem ein Moderator sie geprüft hat). Diese Gruppen sind oft chaotisch, enthalten Spam, werden mißbraucht. Die meisten Newsgroups aber werden moderiert. Im Usenet finden dazu, sowie im FIDO-Net und andere Mailbox-Netzen auch, sogar Wahlen statt. Man bewirbt sich bei der Gemeinschaft als Moderator und wird von der Gemeinschaft dazu gewählt. Hier gilt es natürlich nicht nur Regeln für das Verhalten in den einzelnen Gruppen (‘Charta’ genannt), sondern auch für den Ablauf der Wahlen selbst. Das Usenet ist, jedenfalls die nützlichen Teile, alles andere als unmoderiert.

Moderation hat nichts mit willkürlichen Verschieben, Löschen, Sperren oder gar Verändern von Beiträgen zu tun, jedenfalls nicht, wenn es eine gute Moderation ist/sein will. Moderation dient dazu, eine Gemeinschaft bzw. den Treffpunkt einer Gemeinschaft ‘sauber’ zu halten, in dem Sinne, das die Mitglieder sich wohlfühlen und man sich gemeinsam über das gewählte Thema auslassen kann.

4 comments

  1. Timo Gnambs sagt:

    Zur online Communities

    Zwei Denkanstösse zum Thema online Communities für Zwischendurch: Warum Moderation wichtig ist und

  2. alp sagt:

    Gut erläutert [This page has been link dumped ;-)]

  3. Patrick sagt:

    Echt super Beitrag! Öffnet einen richtig die Augen :) Hab eben sogar mein Forum durchforstet und viele Beiträge von Themen geteilt (und anschließend in Spam-Behälter geschoben) und das Forum von Spam befreit. Ich habe aber auch begriffen, dass Moderation wichtig ist ;)

  4. […] Die Aufgaben für Community Manager sind vielfältig und reichen von der Förderung des Wachstums der Community, über Nutzerbindung und Steigerung der Aktivität, bis hin zur „Monetarisierung“ (also der Hinführung zu kostenpflichtigen Waren und Services). Ein guter Community Manager ist essentiell, um ebendiese Ziele zu erreichen. Warum eine entsprechende Moderation wichtig ist, zeigt sich auch gut an diesem Beispiel. […]

Deine Meinung?