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Im Hier und Jetzt

Returning to our fundamental riddle: if this is the information age, what do our children know that our parents didn't? The answer is "now." They know about now.

In Edge 313 vom 4. März 2010 veröffentlichte die Redaktion einen Essay von David Gelernter mit dem Titel Time to start taking the internet seriously. Gelernter stellt die Frage: Was wissen unsere Kinder, was unsere Eltern nicht wussten? Die Antwort aus seiner Sicht lautet:

Returning to our fundamental riddle: if this is the information age, what do our children know that our parents didn’t?  The answer is “now.” They know about now.

Seit März überlege ich, was ich von Gelernters Essay halten soll. Immerhin fällt es schwer, Argumente von jemandem mit seiner Reputation einfach vom Tisch zu wischen. Andererseits habe ich Edge oft genug als konservativ empfunden — aber über Edges Digerati soll sich jeder selbst eine Meinung bilden. (Im Moment grassiert ein Rant von Clifford Stoll, einem der Digerati, aus dem Jahre 1995 durch die Timelines.)

Mich störte die Absolutheit, mit der Gelernter vom cult of now spricht, wo ich doch fest an das Prinzip Zugang glaube, und ich wollte ihn unbedingt widerlegen. Also setzte ich mich am 7. März mit dem Vorsatz in den Zug nach Hause, eine Antwort an David zu schreiben. Seit dem lagert sie auf meinem Desktop und wartet darauf, dass ich etwas mit ihr tue.

Mein Problem mit meiner Antwort liegt darin, dass ich nicht sicher war, ob ich tatsächlich im Recht bin mit meiner Gegenthese:

Our children know about where. The internet is not about when, but about where.

Immer wieder las ich sowohl Gelernters Essay als auch meine Antwort, und immer wieder fühlte ich, dass etwas nicht stimmte. Jetzt (haha) weiß ich es. Gelernter hat Recht. Im Grunde sah ich den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Das Prinzip Zugang ist ein fundamentaler Teil dies Internet. Wenn Informationen hinter Firewalls versteckt oder offline sind, könnten sie ebenso gut nicht existieren. Doch die Möglichkeit des Zugangs allein genügt natürlich nicht. Implizit habe ich bei Zugang immer an sofortige oder zumindest schnelle (Minuten oder maximal wenige Stunden) Verfügbarkeit gedacht. Und da haben wir mein Problem. Implizit mitdenken ist nicht das Gleiche wie bewusst machen. Sprechen wir also von der Geschwindigkeit des Zugangs, die heute schnell genug ist, um von Echtzeit zu sprechen.

Seit bestimmt drei Jahren landet nichts mehr in meinem Download-Verzeichnis. Früher sammelten sich da setup.exe und install.exe en masse. Statt dessen wird runtergeladen, installiert und gelöscht. Das Internet als Festplatte, quasi als NAS, Google als Datei-Browser. Ich benutze DTA öfter als den Windows-Explorer. Warum etwas aufheben, wenn man es doch jederzeit wieder runterladen kann? Geschwindigkeit + Zugang = Verfügbarkeit.

IRC und selbst die Chats in Mailboxen, von ICQ und seinen späteren Vettern ganz zu schweigen, funktionieren nur Jetzt. Asynchrone Kommunikation bleibt E-Mail überlassen. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum es immer weniger genutzt wird. Angeschoben wurde die Entwicklung auch vom Mobilfunk. Man verabredet sich nicht mehr Tage im Voraus, sondern Jetzt. Möglich wird das durch die ständige Erreichbarkeit der Mitmenschen: Das Handy ist immer dabei. Geschwindigkeit + Zugang = Verfügbarkeit.

Gelernter schreibt:

The Internet has a large bias in favor of now.

Der Zeitfaktor war aber auch schon früher wichtig. Aktualität war immer ein Hauptmerkmal der Massenmedien. Und doch sind Printmedien langsam, weil sie produziert und verteilt werden müssen. Radio und Fernsehen sind auch langsam, dort kann nur eins nach dem anderen veröffentlicht werden. Im Internet gilt keine der beiden Restriktionen. Eine Redaktion kann Dutzende Artikel gleichzeitig veröffentlichen und jederzeit aktualisieren. Die Verteilung geschieht in Sekunden, die Produktion ist mit einem Klick getan. Den vorläufigen Höhepunkt hat diese Entwicklung in Twitter, Gowalla und Co. erreicht. Wo wir gerade sind und was wir gerade tun, beides können wir ständig aktualisieren. Und je mehr mitmachen, desto öfter tun wir es.

Twitter als einer der Treiber des Jetzt-Zentrismus bringt eine dritte Restriktion ins Spiel. Es begrenzt die Länge der Nachricht auf maximal 140 Zeichen. Letztlich färbt das auch auf andere Plattformen ab. Nachrichten werden nicht nur schneller, sondern auch kürzer, schrumpfen auf Gefällt-mir oder #fail. Und presto, aus dem Flamewar wird der Shitstorm. Ganz ehrlich: Flamewars sind mir sympathischer ;)

Bild: gutter, CC-BY-SA

One comment

  1. […] Zum Beispiel mein persönliches Killer-Feature. Statt nur Benachrichtigungen anzuzeigen ermöglicht es G+, sofort zu reagieren. Echtzeit-Web. […]

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