Buchpreisaffären

„Doch beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dessen Mitglied er ist, wertet man die vermeintlichen Preisverstöße angesichts der Massenware Buch als entschuldbare Fehler“, so Stefan Schmid in seinem Artikel. Aber das nimmt Wienecke nicht hin: „Jeder andere Buchhändler würde im Auftrag des Börsenvereins eine Abmahnung in Höhe von 1000 Euro pro Buch erhalten. Nur Amazon nicht.“

Aber dann kommt es doch zu dicke: „Der dritte Band der Millionen-Bestsellerreihe Biss … erscheint im Februar 2008. Und bei Amazon ist das Buch um drei Euro günstiger. Selbst ein Brief des Carlsen Verlags habe nichts bewirkt“, so Wienecke gegenüber der Zeitung. Erstaunlich: Der Börsenverein hat versucht, ihn von der Klage abzuhalten, sagt der Buchhändler dem Blatt.

Na klar hat der Börsenverein versucht, den wildgewordenen Buchhändler einzufangen. Erstens ist Amazon der größte Buchversandhändler in Deutschland — wenn die sauer werden, brauchen auch Verleger richtig viel Zucker im Kaffee. Und zweitens gibt es genug Börsenvereinsmitglieder, die mit den Ausnahmen von der Buchpreisbindung ordentlich Geld verdienen.

Also besser keine schlafenden Hunde wecken.

(via BuchMarkt.de, Dithmarscher Landeszeitung online)

Bild: Alice Wiegand, CC-BY-SA.

Am Sonntag ist der Webshop geschlossen. Amen.

Der Schutz des Sonntags geht in Deutschland auf den Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 zurück. Im Wortlaut besagt er:

Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erbauung gesetzlich geschützt.

Dieser Wortlaut wurde im Grundgesetz in Artikel 140 übernommen, gemeinsam mit vier weiteren Weimarer Artikeln, die sich mit Religionsfreiheit und Kirche auseinandersetzen.

Dieses Jahr feiert diese Bestimmung ihren 90. Geburtstag.

Aus diesem Anlass entschied das Verfassungsgericht heute im Sinne der Verfassungsbeschwerde der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und des Erzbistums Berlin, die gegen § 3 Abs. 1 Alternative 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 Nr. 1 und 6 Abs. 1, 2 des BerlLadÖffG vom 14. November 2007 in Karlsruhe geklagt hatten.

Mit diesem Urteil wird es dem Land Berlin untersagt, alle vier Adventssonntage für verkaufsoffen zu erklären.

Die Evangelische Kirche in Deutschland frohlockt (im Video ab 1:40) entsprechend und verkündet, der Sonntag gehöre nach wie vor dem lieben Gott.

[youtube yeR5Wlw0nac]

Dass man den Sonntag in Hannover sehr ernst meint, beweisst man, in dem man den Webshop des hauseigenen WerbeDiensts sonntags schließt.

WTF?!

In der handlichen Argumentationsliste der EKD findet man unter Punkt 5:

Der Sonntag ist ein freier Tag für die ganze Gesellschaft. Nach biblischer Tradition ist der Sonntag ein freier Tag für alle Menschen, nicht nur für die Mitglieder der Kirchen. Deshalb macht sich die Kirche für den arbeitsfreien Sonntag stark. Sie dankt allen, die an diesem Tag arbeiten, damit wir uns wohl und sicher fühlen können.

Ich wette, auf diesen feuchten Händedruck können Busfahrer, Polizisten, Feuerwehrleute, Krankenpfleger, Ärzte usw. gerne verzichten, wenn die Kirchen im Gegenzug ihr Monopol auf die Definition des siebten Tages der Woche aufgeben würden. Mal abgesehen davon, dass man statt dem Sonntag eben einen anderen Tag nicht arbeiten muss.

Hingegen würde ich gerne die Freiheit haben, hektisch bis zum Konsumkoma zu shoppen, wann ich es will.

So sieht man das auch bei der Zeit (nur um dann, der Leserdebatte willen, doch noch einzuknicken. #fail).

Wer sich übrigens wundert, wem der Haufen “e-…”-Domains gehört, der werfe einen Blick auf e-wie-evangelisch.de. Möge Gott verhindern, dass Katholiken auch noch ins Domainsgeschäft einsteigen. Bauernfänger hats im dem Gewerbe genügend, da könnten wir auf die zwei gerne verzichten.

Bild: ark, CC-BY

ACAP, AP, Kommunismus und Paywalls

Wir müssen dafür endlich ein funktionierendes System für Micropayment aufbauen, damit die Leser Inhalte ganz einfach in Mini-Beträgen bezahlen können.

Sagts, und schiebt nach:

Es wäre schlau, wenn sich da Verleger für die erforderlichen technischen Strukturen in einem großen Rahmen austauschten.

Und dann noch:

Darum brauchen wir ein Modell, in dem Verlage und Redaktionen mitprofitieren, wenn andere Plattformen - wie Google - mit diesen Inhalten ordentlich Geld verdienen. Das fordern mittlerweile 150 Verlage in der „Hamburger Erklärung“.

Die vierte Gewalt auf dem FUD-Trip nach Berlin. Klasse Lobbyarbeit …

“Hirn & Bit: Wie die digitale Welt unser Denken verändert”

So nennt hr-info ein Special zum Schirrmachers neustem Wurf “Payback”.

In vier Audiobeiträgen beleuchtet man das Thema, ein Interview mit F. S. aus titel thesen temperamente der ARD komplettiert die Berichterstattung.

Sehr treffend fand ich die Bewertung des Buchs durch den Litertur-Chef des hr, Alf Mentzer:

Allerdings, und das finde ich ein bisschen problematisch an diesem Buch, es ist eigentlich selbst ein Symptom der Krankheit, die es beschreibt. Es ist wie ‘ne Internseite geschrieben, also jeder Absatz ein neuer Gedanke, immer noch sensationeller als der vorangehende, immer mit noch einer Internetstudie gefüttert … Das ist genauso aufmerksamkeitsheischend und mitunter auch kurzatmig, wie Schirrmacher es eben den neuen Medien vorwirft.

Bis jetzt habe ich nur den Klappentext lesen können, aber der ist so hahnebüchen, dass ich es kaum glauben mag. Beweis gefällig? Bitte sehr:

Versuchen Sie sich eine Welt ohne Autos vorzustellen. Kein Problem, Sie fahren sowieso Fahrrad? Dann stellen Sie sich jetzt eine Welt ohne Computer und Handy vor — und schon stoßen Sie an die Grenzen Ihrer Fantasie.

Reichweitenanalyse für Buchbranche (August, September & Oktober)

Es hat sich nicht viel getan in den Top 10. Erst im Oktober konnten VNR, buch.de und Libri je einen Platz gut machen und an juris.de vorbeiziehen. Trotz Buchmesse bleibt Pons weiterhin deutlich hinter Duden zurück. Duden ist weiterhin die Verlagswebsite mit der größten Reichweite.

Massiv an Reichweite verloren haben hoppenstedt.de (-52 Ränge), deutscher-apotheker-verlag.de (-59 Ränge) und vorablesen.de (-62 Ränge). Am stärksten wachsen konnten ofv.de, kohlibri.de und txtr.com (je 47 Ränge). txtr.com und paperc.de schaffen es im Oktober denn auch in die Top 50. Aus den Top 50 verabschieden müssen sich hingegen claudio.de, eurobuch.com und kiwi-verlag.de.

Unser aller Liebling Libreka konnte 21 Ränge gutmachen und auf Rang 27 klettern.

audible.de hat im November die Chance, an juris.de vorbei in die Top 10 ein zu ziehen.

Das vollständige Ranking gibt es hier als Excel-Sheet.

Reichweite deutscher Verlage und Buchbranchenwebsites August bis Oktober 2009

Reichweitenanalyse für die deutsche Buchbranche von Sascha A. Carlin steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Ihre Website fehlt?
Schicken Sie bitte eine Mail an sc@itst.net, Kennwort “Ranking”.
Per Twitter senden Sie bitte eine Nachricht @itst

Schirrmachers Körperverletzung

Andrian Kreye rezensiert Schirrmachers Payback für die sueddeutsche und kommt zu dem Schluss:

Was man dem Buch vorwerfen kann, ist höchstens, dass es die digitale Debatte in Deutschland zwar auf den neuesten Stand, aber nicht weiterbringt.

[…]

Ohne den Respekt der “Natives” wird “Payback” die digitale Kluft, die sich durch Deutschland zieht, jedoch nicht überbrücken. Auch der Spagat, den Schirrmacher zwischen seinem kulturpessimistischen Ansatz und seiner eigenen Zukunftseuphorie macht, ist letztlich zu weit. Zu oft versichert er: “Dies ist kein Pamphlet gegen Computer.”

Gerade die Gradwanderung zwischen Kulturpessimismus und einer seltsamen Euphorie hat mich in der letzte Edge schon aufgeregt. Zwei Zitate:

But now, when you have a generation — in the next evolutionary stages, the child of today — which are adapted to systems such as the iTunes “Genius”, which not only know which book or which music file they like, and which goes farther and farther in predictive certain things, like predicting whether the concert I am watching tonight is good or bad. Google will know it beforehand, because they know how people talk about it.

What will this mean for the question of free will? Because, in the bottom line, there are, of course, algorithms, who analyze or who calculate certain predictabilities. And I’m wondering if the comfort of free will or not free will would be a very, very tough issue of the future. At this very moment, we have a new government in Germany; they are just discussing the what kind of effect this will have on politics.

[…]

What did Shakespeare, and Kafka, and all these great writers — what actually did they do? They translated society into literature. And of course, at that stage, society was something very real, something which you could see. And they translated modernization into literature. And now we have to find people who translate what happens on the level of software. At least for newspapers, we should have sections reviewing software in a different way; at least the structures of software.

Ich habs jedenfalls mal bestellt und werde reinlesen. Schaden kann es nicht.

Oh, fast hätte ich es vergessen. Körperverletzung steht hier im Titel. Körperverletzung, so sagt es DerWesten, sei für Schrirrmacher Multitasking. Also, anders herum natürlich :-) Interessanterweise ist die Rezension im Westen freundlicher als im Süden. Hätte man anders herum erwarten können :-)

Inhalte & Pricing von E-Books

Weiterführung von 10 Muss-Elemente von E-Books.

Lasst uns bitte nicht mehr vom Medium, sondern von den Inhalten sprechen. Medien implizieren Inhaltsformen, nicht aber die Inhalte.

Viele Verlage sehen im E-Book lediglich eine Zweitverwertung des Druck-PDF. Überhaupt ist Zweitverwertung das Schlagwort, dass man in Verlagen im Moment im Zusammenhang mit dem Internet häufig hört. Das ist der gleiche Denkfehler, den wir von den Musikbossen kennen.

Zunächst einmal ist das Internet ein neues Kommunikationsvehikel — es ist disruptiv, da es wechselseitige Kommunikation in Echtzeit ermöglicht: Interaktion, Zusammenarbeit, Unterhaltungen und Diskussionen sind die Folge.

Ein PDF, eins zu eins dem physischen Produkt entsprechend, nutzt keine dieser Möglichkeiten und gehört in die Zeit vor 1991.

Bei O’Reilly denkt man schon ein bisschen weiter (via BücherFrauen):

Fachbücher, die meist nicht linear gelesen werden, bieten als digitales Medium z.B. die Möglichkeit der Volltextsuche und können mit weiteren Inhalten wie ausfürlichen Bibliografien, Bildern, Querverweisen oder Verlinkungen angereichert werden. Die Verlage hätten allerdings noch viel Gedankenarbeit zu leisten, um neue, tragfähige Konzepte zu entwickeln.

No-brainer. Das alles sind Dinge, die man mit PDF längst tun kann: Originäre Eigentschaften von E-Books sind es jedenfalls nicht.

(Spielt auch keine Rolle, ob es nun ein PDF, ePub oder sonst ein anderes Format ist. Ich schätze, über kurz oder lang werden ALLE Inhalte in einer einheitlichen Form angeboten.)

Nochmal zum Pricing (Interessanterweise ist der Diskurs darüber wesentlich lebhafter als der über Inhalte …). 30% günstiger als Print, so hatte ich es formuliert. Bei der gleichen Veranstaltung der BücherFrauen Köln/Bonn Anfang November wurde über 20% diskutiert. Ich denke, wir sind uns einig: Solange ein E-Book nur Zweitverwertung ist, muss es günstiger sein.

Michael Justis von S.Fischer sagt denn auch im Börsenblatt, dass neue, wirkliche E-Books nicht unbedingt billig sein müssen:

Kurzsichtig ist die Forderung “E-Book = billig”, weil sie auch für die Zukunft annimmt, dass E-Books dauerhaft so primitiv bleiben werden wie zur Zeit. Werden sie aber nicht. Bei E-Book-Versionen amerikanischer Lehrbücher ist Multimedia jetzt schon Standard. Die Produktionskosten übersteigen die Herstellungskosten gedruckter Bücher dann um ein Vielfaches. Wenn wir jetzt die Erwartung nähren, elektronische Buchausgaben könnten grundsätzlich billiger sein als gedruckte, verbauen wir uns den Weg in die Zukunft.

Ich verstehe den Zwiespalt, in dem Justus sich sieht — auf der einen Seite ist ihm bewusst, dass er heutige E-Books nicht teurer machen kann, weil sie es nicht wert sind, andererseits könnten zukünftige E-Books durchaus ihren im Vergleich höheren Preis rechtfertigen. Eine mögliche Lösung wäre, E-Books so schnell wie möglich “zukünftig” werden zu lassen (Wobei sich die Frage stellt, wer das tun soll …).

Im Grunde geht es den Verlagen mit dem E-Book-Pricing wie Herstellern von Apps für Smartphones: Verlangt man 20 und mehr Euro in einem Umfeld, in dem die Mehrzahl der Produkte für unter fünf Euro zu haben sind, braucht man einen guten Grund.