Buchmesse-Nachbetrachtungen

Verlage, klassisch und digital

Dirk wurde vor der Buchmesse vom hr zum Thema iPad und digitales Publizieren interviewt, woraus dann dieser Artikel entstand.

Dirk Songür ist ein freundlicher, ruhiger Anfangdreißiger mit einem Grübchen im Kinn und einer Brille. Wie ein Schrecken der Buchhändler sieht er eigentlich nicht aus. Und doch sagt er der Branche, die vom Vertrieb bedruckten Papiers lebt, mittelbar den Untergang voraus – weil sich digitale Lesegeräte wie das iPad durchsetzen werden.

Ganz so drastisch sagte Dirk das nicht, was er auch klar stellt.

Sowohl der Artikel des hr als auch Dirks Riposte sind übrigens wirklich lesenswert.

Was sich abzeichnet, und das wurde mir indirekt auf der Buchmesse durch viele Gespräche und Beobachtungen bestätigt: Es wachsen neue, andere Verlage heran.

Natürlich muss man mit Vorhersagen vorsichtig sein, aber ich habe das Gefühl, als beginnt eine neue Innovationskurve und damit eine Veränderung, wie Werbeagenturen sie ab Mitte der 1990er durchgemacht haben.

Es entstehen neue, andere, digitale Verlage, während die klassischen Verlage verharren oder nur halbherzige Ausflüge in diese Richtung unternehmen.

Ausgehend von dieser Beobachtung lehne ich mich aus dem Fenster und sage:

Binnen fünf Jahren wird es rein digitale Verlage geben.

E-Reader und Formate

Auf der Messe habe ich mir u. a. den Oyo von Thalia genauer angesehen. Wirklich überzeugen kann dieses Gerät mich nicht.

[youtube Z-H2acsZJ4Q&hd=1]

Doch das nur am Rande. E-Reader und ihre speziellen Formate (wozu ich jetzt auch mal PDF zähle) waren für mich nie eine überzeugende Alternative: es sind nur Derivate der gedruckten Werke.

Dabei liegt es doch eigentlich auf der Hand, welches Format das Werkzeug der Wahl für digitale Literatur ist, nämlich HTML (im Zusammenspiel mit CSS und JavaScript). Zur Anzeige braucht es dann nur noch einen Browser (das Betriebssystem von heute).

Auch das kann man zusammenpacken, zum Download anbieten und damit Geld verdienen. Oder man verkauft sogar nur den Zugang. Dass man online sein muss, um einige Funktionen nutzen zu können, ist nebensächlich, weil selbstverständlich.

Website-Optimierung

Was WordPress angeht, wird im Moment viel über Optimierungswege und -potenziale diskutiert, aktuell zum Beispiel bei Frank Bueltge. Auch in der iX war vor einigen Monaten ein Artikel dazu zu finden. Letztlich gelten die dort und an anderen Stellen aufgezählten Tipps und Tricks aber für jede Website.

Für 99 % aller Websites spielen solche Optimierungsmaßnahmen keine Rolle – sie schaden sicherlich nicht, bringen aber auch keinen Nutzen. Wenn man sie nicht durchführt, um mehr über Website-Betrieb zu lernen oder weil man tatsächlich gravierende Probleme hat, sollte man seine Motivation hinterfragen.

Die Basis für jede Website-Optimierung ist die Struktur der Website selbst, also sauberes HTML und CSS. Das bedeutet zum Beispiel, class-Definitionen wie post-97 page type-page hentry zu vermeiden. Aus Sicht eines Template-Autors ist es vielleicht eine gute Idee, die class-Definition als Metadatencontainer zu missbrauchen, damit der Kunde maximale Flexibilität bei der Gestaltung hat. Genau diese Flexibilität wird aber teuer erkauft – und in den wenigsten Fällen tatsächlich genutzt. Man tut als Betreiber also gut daran, mit solchen Praktiken aufzuräumen. Auch die CSS-Dateien selbst sollten einer Generalinventur unterzogen werden.

Gutes CSS zeichnet sich zum Beispiel dadurch aus, dass es seinem Namen gerecht wird. Man sollte gezielt die Kaskadierung (o. Vererbung) von Eigenschaften nutzen und fügt nur zu speziellen Elementen nur die Angaben hinzu, die tatsächlich neu oder anders sind. Hinzufügen ist dabei fast immer erlaubt, überschreibt man aber die meisten Eigenschaften, sollte man wahrscheinlich eine neue Klasse oder eine neue ID definieren. So macht man es den Rendering Engines der Browser einfacher und erleichtert sich bei zukünftigen Änderungen das Leben.

Javascript ist heutzutage aus kaum einer Website wegzudenken. Auch hier gilt es, mit Augenmaß an Einbindung und Nutzungshäufigkeit zu betrachten. Wenn sich nur auf der Startseite ein Karussell dreht, brauche ich das Javascript nicht auf jeder Seite einzubinden.

Anschließend kann man daran gehen, CSS und Javascript ggf. zusammenzufassen und mit z. B. Minify zu verkleinern und so Bandbreite zu sparen.

Man sieht, die allermeisten der vermeintlichen Frontend-Probleme lassen sich mit gesundem Menschenverstand lösen – ohne auf Plug-ins zurückzugreifen.

Auch für Optimierungen am oder auf Server wollen YSlow und Page Speed Tipps geben. Nicht alle sind wirklich relevant, viele sind – falsch oder halbherzig umgesetzt – sogar schädlich oder bestenfalls egal. Deswegen: Was man nicht versteht, macht man auch nicht. So geht zumindest nichts kaputt.

Zum Beispiel die in dem Artikel von Frank beschriebene Methode, Content Delivery Networks zu benutzen. Naja, eher zu faken ;)

Zunächst ist die Idee, statische Contents, also CSS, Javascript, Bilder und andere Medien von einem anderen Host aus zu laden, nicht verkehrt. Das entlastet den Applikationsserver und kann verhindern, dass Cookies hin und her gesendet werden müssen.

Solche Lösungen mit Plug-ins zu realisieren, die vom Applikationsserver/WCMS ausgeliefertes HTML nachträglich oder während der Zusammenstellung des Content verändern, ist keine clevere Idee. Der bessere und sinnvollere Weg ist, das WCMS bereits die korrekten Pfade verwenden zu lassen. Wenn das heißt, an der einen oder andere Stelle – im Falle von WordPress – auf sein heiß geliebtes Template Tag zu verzichten: wenn schon, denn schon.

(Nachträgliche Rewrites für die Auslieferung statischer Inhalte von einem anderen Host zu benutzen … Das ist nicht nur nicht clever, sondern völlig an der Zielsetzung vorbei.)

Zwei Buchtipps möchte ich nicht unerwähnt lassen, wenn ich schon Verständnis fordere: Even Faster Websites, den Nachfolger von High Performance Websites und Building Scalable Websites (wenn auch von 2006).

Bild: Jon Sullivan

Weniger Newsletter-Abbesteller

Fragt mich bitte nicht, wann und warum ich den Newsletter von nobox.de bestellt habe - wahrscheinlich ungewollt oder durch eine Bestellung? Anyway, heute kam wieder einer — und ich wollte mich endlich abmelden.

Wie es sich gehört, hielt der Newsletter einen Link dafür bereit. Und da erscheint folgendes im Browser:

Man kennt ja diese “Warum wollen Sie sich abmelden?”-Dinger und andere wenig zielführende Versuche, die Churn-Rate klein zu halten. Diese Variante kommt mir zum ersten Mal unter — und sie gefällt mir. Statt die Sache negativ zu sehen und dem Kunden Steine in den Weg zu legen, offeriert man ihm freundlich eine Alternative.

Alternativer Screen für nobox.de: 5-Min-Axure-Hack - Wording stark verbesserungswürdig :-) Design & Layout der Seite sind sicher verbesserungswürdig, vor allem aber würde ich die Alternative über die Abbestellung setzen und es dem Kunden noch ein bisschen einfacher machen.

Ich weiß zwar nicht, ob man bei nobox einen Effekt gemessen hat oder ob es überhaupt noch nachvollziehbar ist, aber ich wette, nach Einführung dieser Kleinigkeit hatte man weniger Abbesteller.

Enriched, enhanced, Libroid: Das Buch von morgen schon heute

Vor 14 Tagen machte ein Video die Runde, in dem drei Prototypen echter E-Books gezeigt wurden. Nun bringt Bastei-Lübbe ein enhanced E-Book von Folletts Sturz der Titanen heraus.

Das erweiterte E-Book enthält Interviews mit Follett über die Entstehung des Romans, Kartenmaterial, Fotos, Stammbäume der Romanfiguren, Hinweise auf Recherchen des Autors und historische Quellen sowie Links zu Wikipedia, um historische Personen und Ereignisse nachzuschlagen; infrage kommende Begriffe sind farblich gekennzeichnet. #

Parallell zeigte Jürgen Neffe ein Libroid genanntes System, mit dem Autoren ihre Werke anreichern können:

Für Neffe steht fest: Erfolgreiche Autoren werden E-Book-Rechte nicht mehr an traditionelle Verlage vergeben, die viel zu „verhalten und hilflos“ agierten. #

Ich finde beide Vorstöße super. Endlich macht mal jemand, statt sich mit theoretischen Diskussionen die Zeit zu vertreiben. Ich glaube und hoffe, dass es in nächster Zeit mehr dieser neuen Bücher geben wird.

Wer sich inspirieren lassen möchte, sollte sich das o. g. Video nicht entgehen lassen — und diesen Artikel rekapitulieren :-)

[iframe http://player.vimeo.com/video/15142335?byline=0&color=ffffff” 620 345]

Das Buch von morgen

E-Books sollten mehr sein als PDF-Dateien der Printausgaben. E-Books sind ein anderes Medium, das nach anderen Regeln funktioniert. Dieses Thema wurde hier schon mehrfach diskutiert, zuletzt nach einem Vortrag von Alex Viess beim BuchCamp 2010 in Frankfurt.

Mit Alice, Coupland und Nelson zeigt IDEO, von denen auch OpenIDEO stammt, drei prototypische Anwendungen bzw. Bücher, die es in sich haben.

Alice ist auf Belletristik gezielt und macht sich die Geschichte zu eigen. Es ermöglicht den Lesern, an der Handlung teilzuhaben und sie in vielfältiger Weise anzureichern, ihr etwas hinzuzufügen.

What Alice is about is reinventing or experimenting with how we tell written stories.

Coupland ist eigentlich kein Buch, sondern ein Buch über Bücher mit starken gemeinschaftlichen Ideen und Anleihen bei Diensten wie Librarything oder CiteULike. Es zielt auf große Gruppen und vor allem Unternehmen, in denen Menschen sich über (Fach-)Literatur austauschen.

Nelson kommt der Idee, die wir in der Diskussion auf dem BuchCamp skizzierten, recht nahe. Optimiert für Fachliteratur ergänzt Nelson deren Inhalte um aktuelle Nachrichten und Fakten. Es ermöglicht den Austausch zwischen den Lesern (und natürlich auch Autoren) zu einzelnen Abschnitten und Kapiteln. Einer der Entwickler von Nelson sagt über das Konzept:

Nelson is very much about getting readers a well-informed and a well-grounded point of view about the topic.

Hier das Video:

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In einem Radiointerview, aus dem auch die Zitate stammen, spricht Brian Lehrer mit Duane Bray und Robert Lenne von IDEO über die drei Konzepte.

In den letzten vier Minuten des Interviews geht es dann um Bücher im Allgemeinen, den sich verändernden Medienkonsum etc. pp. Was für mich heraussticht ist die Aussage von Robert Lenne:

Well, I think that, when we did this exploration we actually, we came to the question what is a book and how is a book different from a magazine and so on.

And that is actually a very wrong question when the book comes into a digital context, because all the possibilities you could have actually change the book and make it something else.

Und genau das ist der Punkt, der auch für Zeitschriften seine Berechtigung hat. Eine digitale Zeitschrift ist keine Zeitschrift. (Dirk hat dazu einiges gesammelt und getestet.)

Nach dem BuchCamp formulierte ich das so:

Wir nennen diese Konzepte heute E-Book, weil wir noch keinen besseren Namen dafür gefunden haben. Der Name sollte aber nicht darüber täuschen, dass die einzige Gemeinsamkeit von Büchern und E-Books in der Inhaltsvermittlung liegt. Der Zweck bleibt der gleiche, die Mittel unterscheiden sich drastisch, analog zu E-Mail und Briefpost.

Ja, es ist eine andere Art Erzählen, eine andere Art Wissensvermittlung. Aber es ist Erzählen, es ist Wissensvermittlung.

Schwarzer Daumen: There’s an app for that

Ich habe einen lupenreinen track record im Vernichten pflegeleichter Zimmerpflanzen. Darauf bin ich nicht sonderlich stolz und möchte den Trend umkehren. Dabei helfen soll mir eine Android-Appliaktion: Schwarzer Daumen. Gleichzeitig hoffe ich, meine Java-Skills zu verbessern (was nicht schwer werden wird) und möglichst viel über Android-Entwicklung zu lernen (worauf ich mich wirklich freue).

Der Funktionsumfang von Version 1.0 steht noch nicht ganz fest, aber ich denke, folgende Dinge werden am Ende in der App landen:

  1. Bilder der Pflanze (damit man sie wiederfinden kann und bei Alarmen gleich was, welche man gießen muss).
  2. Alarme (welcher Art auch immer), die mich ans Gießen erinnern. Am besten am Tag bevor ich gießen muss, an dem Tag selbst und am Tag danach, wenn ich in der App nicht bestätigt habe, die Pflanze gegossen zu haben. Fies, aber in meinem Fall notwendig.
  3. Sowas wie ein Dünge-Planer, damit ich es a) nicht vergesse und b) nicht zu oft dünge.
  4. Ein kleines Glossar, das beim Kauf neuer Pflanzen hilft.

Ihr seht, ich meine es wirklich ernst ;) Ausbaustufen gibts da Menge, angefangen bei der Möglichkeit, die Alarme weniger nervenaufreibend zu gestalten, Einträge in Kalender (und Aufgaben), Erinnerungen per Mail und SMS, Webviews für die Zierpflanzen-Kategorie in Wikipedia, …

Damit wären denn auch ziemlich viele Android-APIs abgefrühstückt. Maps fehlt, aber ich brauche echt keine Karte meiner Wohnung ;) Wobei, da fällt mir ein … Eine Karte der wichtigsten Zimmerpflanzenzubehörgeschäfte in der Nähe …

Und weil man ja jeden Post mit einer Frage beenden soll, um die Leserschaft aktiv einzubinden und langfristig die eigene Marke zu stärken und so:

Welche Funktion müsste so eine App für Euch unbedingt haben?

Bild: lwallenstein, CC-BY-SA

Meine zwei Cent über Google Chrome 5.0

Während Firefox monolithisch daherkommt und zur Mitte eines Arbeitstages gerne mal die 400-MB-Marke knackt und das UI behäbig und unresponsive wirkt, bleibt Chrome fix und fühlt sich deutlich besser an. Das ist der Aufteilung in mehrere Prozesse geschuldet, denn kumuliert schnappt sich Chrome deutlich mehr RAM als Firefox.

Ziemlich kühl und Google-like ist der in Chrome eingebaute Taskmanager. Dass den eigentlich kein Mensch braucht, hat Google auch erkannt und den in dem Fenster angezeigten Link auf about:memory mit Statistiken für Computerfreaks gelabelt. Dort sieht man im Parallelbetrieb mehrerer Browser den Speicherbedarf im Vergleich. Warum dort allerdings die Summen für Chrome in der oberen Tabelle nicht mit denen der unteren übereinstimmen, versteht wohl nur Google.

Firebug ist die beste FF- Extension für Webentwickler. Wer wirklich tief in die Struktur und Anzeigelogik einer Seite einsteigen muss, kommt daran kaum vorbei. Zusätzlich gibt es mittlerweile einige Extension-Extensions für Firebug, zum Beispiel Page Speed, CSS Usage und YSlow. Ohne dieses Team komme ich deutlich langsamer voran. Für Chrome gibt es zwar Firebug Lite, dass aber (noch) buggy ist und dem einige Funktionalitäten (hence the name) fehlen. Dafür ist der eingebaute Inspector allerdings nicht von schlechten Eltern und kann das Firebug-Team ersetzen. Nice.

Durch den Verzicht auf eine Statusleiste, in der zum Beispiel die URL angezeigt wird, gewinnt man zwar ein paar Pixel in der Vertikalen. Dafür geht aber genau diese Information, also die URL des Links, über der mein Mauszeiger gerade schwebt, verloren. Chrome blendet zwar ein Overlay mit der URL ein, kürzt diese aber — in meinen Augen unnötigerweise — ab. Abhilfe schafft eine Extension namens Status Bar. Leider stellt sie keine Status Bar bereit, sondern blendet dauerhaft ein eigenes Overlay ein.

Hier auf itst.net benutze ich ein paar CSS3-Features, unter anderem border-radius, Pseudo-Klassen, Media Selectors, das Content Module und die Definition von typografisch korrekten Anführungszeichen. Letzteres beherrscht Chrome leider noch nicht, obwohl die CSS3-Unterstützung von Chrome ansonsten exzellent ist. (Mittels eines kleinen Tests kann man den CSS3 Support des eigenen Browsers prüfen.)

Bookmarken in Chrome gefällt mir Stand heute überhaupt nicht. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber in Firefox genügt ein Klick auf den Stern am Ende der Adresszeile, wohingegen Chrome danach noch eine Bestätigung haben möchte. Es ist zwar nur ein weiterer Klick, aber der zerrt den Benutzer in einen völlig anderen Kontext und zerstört das aktuelle mentale Modell.

Seit Mozilla mit Sync einen auf Überall macht, bin ich infiziert. Passwörter und Bookmarks auf allen Feuerfüchsen parat zu haben, ist ein enormer Vorteil für mich. Chrome synchronisiert sich zwar auch, leider aber nicht Passwörter. Für mich ein echter Killer. Ich habe zig Logins und Passwörter, die ich mir nicht merken will. Schon gar nicht die Passwörter, die alle Zufallsprodukte sind. Einmal in einem Firefox gespeichert, habe ich sie an jedem anderen Rechner parat. Darauf will ich nicht verzichten.

Unterm Strich: Wenn das Bookmarken einfacher gestaltet ist und Chrome auch Passwörter synct, wechsel ich das Arbeitstier. (So wie ich die Issues verstehe, könnte Chrome ab Version 6 auch Passwörter syncen. Verwandte Issues deuten allerings eher auf Version 7 hin.)

Bild: Tiger Pixel, CC-BY

Informationsfilter

Eine solide Recherche und gründliche Quellenprüfung ist der beste Filter zur Trennung von wichtigen und unwichtigen Informationen. Halbgares, PR-infiziertes, inszeniertes und auf Pseudo-Expertise beruhendes Informationsmaterial könnte mit Hilfe sorgfältiger Recherche gefiltert werden. #

Schreibt Prof. Dr. Thomas Leif, u. a. Vorsitzender von netzwerk recherche e. V., in der Onlineausgabe der Süddeutschen. Hätten die Redakteure mal besser lesen sollen.

Der Verein GELD UND VERBRAUCHER Interessenvereinigung der Versicherten, Sparer und Kapitalanleger e.V. (GVI) veröffentlichte gestern eine Pressemitteilung, in der man jüngste Medienberichte über Kündigungen gesetzlich Krankenversicherter zum Anlass nahm, auf eine Dienstleistung des Vereins hinzuweisen. Man böte auf der eigenen Website in der Rubrik Gratis-Tipps einen kostenlosen Vergleichsrechner an. Mit diesem Rechner könne man ermitteln, wie viel Geld man durch einen Wechsel zu einer anderen Krankenkasse sparen könnte.

So weit, so informativ und potenziell nützlich — und schwupps landet die Pressemitteilung im Ticker. Schade nur, dass sich niemand bei der Süddeutschen die Mühe gemacht und die Vereinswebsite näher angeschaut hat: Die angepriesene Dienstleistung ist ein Affiliate-Link. Der auf der gleichen Seite angebotene Strom- und Gaspreisvergleich übrigens auch.

Da wundert es nicht weiter, dass der Verein Sparlotsen (attraktives Zusatzeinkommen über Nebenjob) sucht.

Sie selbst profitieren dabei noch von einer attraktiven Werbevergütung.

Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn wir auch Sie in Zukunft zu unseren Förderern zählen dürften, um unsere Gemeinschaft zu stärken. Helfen Sie also mit, dem Verbraucher aufzuzeigen, wo er viel Geld sparen und Fehlentscheidungen vermeiden kann.

[…]

übrigens, benötigen Sie für die Tätigkeit kein Fachwissen. Alles was Sie brauchen erfahren Sie von uns. #

Der lustige Verein gibt an, alleiniger Inhaber der Geld und Verbraucher-Verlags GmbH und Co. KG zu sein. Die wiederum vermittelt über die Sparlotsen alle Arten von Versicherungen im Rahmen der günstigen GVI-Gruppenversicherungen. Um in den Genuss dieser Policen zu kommen, muss man Mitglied des Vereins werden — für monatlich rund 5 Euro. Wie viel die Mitgliedschaft tatsächlich kostet, darf der geneigte Leser selbst errätseln.

Ob übrigens die bisherigen Teilnehmer an der Freunde-Aktion mehr oder weniger davon haben, ist nicht überliefert.

Bild: verbeeldingskr8, CC-BY-NC-SA

Im Hier und Jetzt

In Edge 313 vom 4. März 2010 veröffentlichte die Redaktion einen Essay von David Gelernter mit dem Titel Time to start taking the internet seriously. Gelernter stellt die Frage: Was wissen unsere Kinder, was unsere Eltern nicht wussten? Die Antwort aus seiner Sicht lautet:

Returning to our fundamental riddle: if this is the information age, what do our children know that our parents didn’t?  The answer is “now.” They know about now.

Seit März überlege ich, was ich von Gelernters Essay halten soll. Immerhin fällt es schwer, Argumente von jemandem mit seiner Reputation einfach vom Tisch zu wischen. Andererseits habe ich Edge oft genug als konservativ empfunden — aber über Edges Digerati soll sich jeder selbst eine Meinung bilden. (Im Moment grassiert ein Rant von Clifford Stoll, einem der Digerati, aus dem Jahre 1995 durch die Timelines.)

Mich störte die Absolutheit, mit der Gelernter vom cult of now spricht, wo ich doch fest an das Prinzip Zugang glaube, und ich wollte ihn unbedingt widerlegen. Also setzte ich mich am 7. März mit dem Vorsatz in den Zug nach Hause, eine Antwort an David zu schreiben. Seit dem lagert sie auf meinem Desktop und wartet darauf, dass ich etwas mit ihr tue.

Mein Problem mit meiner Antwort liegt darin, dass ich nicht sicher war, ob ich tatsächlich im Recht bin mit meiner Gegenthese:

Our children know about where. The internet is not about when, but about where.

Immer wieder las ich sowohl Gelernters Essay als auch meine Antwort, und immer wieder fühlte ich, dass etwas nicht stimmte. Jetzt (haha) weiß ich es. Gelernter hat Recht. Im Grunde sah ich den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Das Prinzip Zugang ist ein fundamentaler Teil dies Internet. Wenn Informationen hinter Firewalls versteckt oder offline sind, könnten sie ebenso gut nicht existieren. Doch die Möglichkeit des Zugangs allein genügt natürlich nicht. Implizit habe ich bei Zugang immer an sofortige oder zumindest schnelle (Minuten oder maximal wenige Stunden) Verfügbarkeit gedacht. Und da haben wir mein Problem. Implizit mitdenken ist nicht das Gleiche wie bewusst machen. Sprechen wir also von der Geschwindigkeit des Zugangs, die heute schnell genug ist, um von Echtzeit zu sprechen.

Seit bestimmt drei Jahren landet nichts mehr in meinem Download-Verzeichnis. Früher sammelten sich da setup.exe und install.exe en masse. Statt dessen wird runtergeladen, installiert und gelöscht. Das Internet als Festplatte, quasi als NAS, Google als Datei-Browser. Ich benutze DTA öfter als den Windows-Explorer. Warum etwas aufheben, wenn man es doch jederzeit wieder runterladen kann? Geschwindigkeit + Zugang = Verfügbarkeit.

IRC und selbst die Chats in Mailboxen, von ICQ und seinen späteren Vettern ganz zu schweigen, funktionieren nur Jetzt. Asynchrone Kommunikation bleibt E-Mail überlassen. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum es immer weniger genutzt wird. Angeschoben wurde die Entwicklung auch vom Mobilfunk. Man verabredet sich nicht mehr Tage im Voraus, sondern Jetzt. Möglich wird das durch die ständige Erreichbarkeit der Mitmenschen: Das Handy ist immer dabei. Geschwindigkeit + Zugang = Verfügbarkeit.

Gelernter schreibt:

The Internet has a large bias in favor of now.

Der Zeitfaktor war aber auch schon früher wichtig. Aktualität war immer ein Hauptmerkmal der Massenmedien. Und doch sind Printmedien langsam, weil sie produziert und verteilt werden müssen. Radio und Fernsehen sind auch langsam, dort kann nur eins nach dem anderen veröffentlicht werden. Im Internet gilt keine der beiden Restriktionen. Eine Redaktion kann Dutzende Artikel gleichzeitig veröffentlichen und jederzeit aktualisieren. Die Verteilung geschieht in Sekunden, die Produktion ist mit einem Klick getan. Den vorläufigen Höhepunkt hat diese Entwicklung in Twitter, Gowalla und Co. erreicht. Wo wir gerade sind und was wir gerade tun, beides können wir ständig aktualisieren. Und je mehr mitmachen, desto öfter tun wir es.

Twitter als einer der Treiber des Jetzt-Zentrismus bringt eine dritte Restriktion ins Spiel. Es begrenzt die Länge der Nachricht auf maximal 140 Zeichen. Letztlich färbt das auch auf andere Plattformen ab. Nachrichten werden nicht nur schneller, sondern auch kürzer, schrumpfen auf Gefällt-mir oder #fail. Und presto, aus dem Flamewar wird der Shitstorm. Ganz ehrlich: Flamewars sind mir sympathischer ;)

Bild: gutter, CC-BY-SA

„… im Wettbewerb um die besten Köpfe“

Diskussionen über Apps für iPod und Co., und kein Gerät auf dem Tisch? Soll der Button rechts oder links, blau oder rot sein? Epub-Überlegungen, ohne jemals mit z. B. Sigil gearbeitet zu haben? Agenturbeauftragungen für die Pflege der Pressemitteilungen auf der eigenen Website? Marketingleute, die auf einmal von Usability sprechen, Printgestalter, die einem TIFF-Daten für die Website schicken, … Die Liste ist ausbaufähig ;(

Solche Horrorstorys bekommt man leider allzu oft zu hören. Und es sind Horrorstorys.

Jeder Verlag soll[t]e ausgebildete Techniker beschäftigen, um über entsprechende Kompetenzen im Haus zu verfügen.

So habe ich bei einer AKEP-Podiumsdiskussion auf der Buchmesse 2008 argumentiert. Damals wurde ich dafür kritisiert. Nach drei Jahren in der Verlagsbranche glaube ich weiterhin, dass diese Forderung berechtigt ist. Der Begriff Techniker ergab sich aus der Diskussion heraus — gemeint waren Mitarbeiter mit Know-how in Sachen Websites und Shops.

Durch die Buchtage-Key Note von de Gruyter-Geschäftsführer Sven Fund wurde das Thema wieder aktuell:

Wir stehen mit anderen Branchen mehr und mehr im Wettbewerb um die besten Köpfe.

Die Problematik manifestiert sich in der Kluft, die sich zwischen potenziellen, technikorientierten Mitarbeitern und der Branche auftut. Das beginnt mit einer unterschiedlichen Wahrnehmung und Interpretation des Begriffs „Technik“ und spannt sich bis zur Arbeitsweise und -organisation. Dazu kommt die Außenwahrnehmung der Branche, und damit ein Großteil der Attraktivität für gut ausgebildete und erfahrene „Techniker“. Mir sind auch keine branchenaffinen Studiengänge oder Ausbildungen bekannt, die gesteigerten Wert auf die Vermittlung der notwendigen Kompetenzen legen.

Geringe Attraktivität

Für branchenfremde Berufseinsteiger und -erfahrene sind andere Branchen attraktiver. Das liegt nicht unbedingt an der Höhe der Vergütung. Schon bei der Ausbildungs- und Studienwahl stellen andere Branchen die Weichen für sich. So platt es klingen mag, modern, jung und dynamisch kommen die buchspezifischen Angebote nicht daher. Für eine junge Informatikerin führt der Weg quasi natürlich zu Software- oder Beratungshäusern, auch weil sie von diesen Unternehmen z. B. bei Jobmessen wie im Rahmen der CeBIT oder lokalen Veranstaltungen hofiert wird.

Auch andere Parameter werden bereits während des Studiums gesetzt. Vorlesungsskripte gibt es als PDF aus dem webbasierten Kurssystem, Hausarbeiten bekommen die Professoren per E-Mail. In Praktika werden Webinterfaces für Datenbanken konzipiert, umgesetzt werden diese Konzepte mit modernen, State-of-the-art-Werkzeugen. Kurz: Sowohl die Informationsvermittlung als auch die Informationsaufbereitung werden vor allem elektronisch erlebt.

Da tut sich die Buchbranche, die auf totes Holz setzt, schwer gegen Agenturen und Softwarehäuser, die spannende Projekte, modernes Arbeitsgerät und elektronische Produkte anzubieten haben — von der Chance, mit Gleichgesinnten zu arbeiten und am Puls der Zeit zu sein, ganz abgesehen. Auch was man an elektronischen Verlagsprodukten sehen kann, wird die meisten Absolventen nicht vom Hocker hauen. Spätestens beim genaueren Blick auf Software und Websites wird einem nämlich klar, dass zwar Verlag X draufsteht, aber Softwareschmiede Y drin ist.

Die Buchbranche ist nicht gerade dafür bekannt, vorne mit dabei zu sein — da muss man es den Absolventen verzeihen, wenn sie nicht nach Buchjobs lechzen. So mag es zwar vorkommen, dass sich vereinzelt Quereinsteiger (wie ich und meine Kollegen) in Buchverlagen wiederfinden, doch das reicht nicht aus. Und dann stellt sich die Frage, wie lange sie dort bleiben.

Meine Generation, und das erlebe und höre (und fühle) ich immer wieder, geht nicht davon aus, zehn Jahre — oder gar das ganze Berufsleben — bei einem Unternehmen zu bleiben. Zumal das heute auch augenscheinlich sehr schwer geworden ist. Einer Branche, die sich Tradition auf die Fahnen geschrieben hat, verschafft das Minuspunkte. Aufstiegschancen, so muss man meinen, sind also selten und eröffnen sich erst nach langen Jahren. Tradition ist auch nicht unbedingt ein Schlagwort, mit dem man einen Flasher oder Online-Marketer hinterm Ofen hervorlockt.

Damit zur Sprache in Stellenanzeigen. Seit vielen Jahren schon werden Stellenanzeigen in Jobbörsen im Internet veröffentlich, und die Stellensuche erfolgt nach Stichworten. Unternehmen müssen sich klarmachen, dass sie ihre Stellenanzeigen mit passenden Stichworten spicken müssen, nach denen künftige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen. Ich wette, dass weitaus öfter nach Website statt Internet-Präsenz gesucht wird. Und das diejenigen, die Stellenanzeigen mit letzterer Formulierung lesen, sich dann eher abgeschreckt fühlen. Die Begriffswahl impliziert ein Mindset, mit dem sich der Bewerber nicht identifizieren kann. Ein ähnliches Begriffspaar ist Webshop und Verkaufsplattform im Internet.

Divergierendes Verständnis

Hinter solchen Wortungetümen steht mangelndes Verständnis der und für die Tätigkeit. Wäre man wirklich nah am Thema, wüsste man, dass man 2010 einfach nicht mehr von Internet-Präsenzen oder Webseiten (oder noch schlimmer: Homepages) spricht. Bezeichnend dafür ist, welchen Namen viele Verlage den Sidebars ihrer Websites geben: Marginalspalten. Und das, obwohl in der Fachpresse, auf Websites zum Thema, auf Messen und Kongressen und in Dokumentationen von WCMS ausschließlich von Sidebars gesprochen wird. Ja, in Büchern heißen die Spalten links und rechts des Inhalts so. Erstens reden wir aber nicht von Büchern, und zweitens haben Marginalspalten und Sidebars völlig verschiedene Funktionen.

Die Entwicklungen in allen Online-Themen sind sehr technikgetrieben. Die Grenze zwischen grundlegender Technik und z. B. der Fachkompetenz Online-Werbung ist sicher fließend. Aber ohne zu wissen, wie man Werbung in Websites integriert, wird man kaum erfolgreich vermarkten können.

Digitale Arbeitsweise

Die zwangsläufige Unterscheidung zwischen Buch und Website gilt auch für die Herangehensweise an Konzeption und Umsetzung. Ein Buch steht am Ende des Prozesses als Produkt im Laden und kann nicht mehr verändert werden. Websites und Software aber sind dynamisch. Ihnen gefällt die Hintergrundfarbe nicht mehr? Gut, ändern wir sie. Die Produktbeschreibung ist dröge und niemand kauft? OK, hier ist ein alternativer Text, machen wir einen A/B-Test. Diese Dynamik kann natürlich missbraucht werden. Entscheidend für den Erfolg ist daher, Kompetenz im Haus zu haben und sie mit Entscheidungsbefugnis auszustatten.

Mangelnde Kompetenzvermittlung

Betrachtet man die branchenaffinen Studiengänge oder Ausbildungen, fällt die Konzentration dreier Themen auf: Marketing, Vertrieb und Herstellung. Aber wird den Absolventen beigebracht, mit einem WYSIWYG-Editor zu arbeiten, sich in einem WCMS zurechtzufinden oder gar eine Website oder einen Shop zu planen? Wenn man immer nur davon hört und nur sporadisch mit solchen Werkzeugen arbeitet, lernt man nichts. Man übt es nicht, man sammelt keine verwertbare Erfahrung. Und das ist nur die Anwendungsseite. Technisches Projektmanagement, Webusability (oder für mobile Endgeräte), User Experience, Webanalyse, E-Commerce, Online-Marketing, all diese Themen werden höchstens gestreift — und so gefährliches Halbwissen erzeugt.

Bei allem Respekt für die Kolleginnen und Kollegen, die sich nach und nach selbst oder mit Unterstützung ihrer Arbeitgeber weitergebildet haben: ohne das Erlernte jahrelang in die Praxis umzusetzen wird man kein Experte. Allein die Weiterbildung reicht nicht aus. Verlage sollten sich dessen bewusst sein und dafür sorgen, in diesen Dingen kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und dauerhaft einzusetzen, wenn sie ihre Marke, gar ihr Geschäft, ins Internet verlagern wollen bzw. müssen. Einem Lektor nebenbei redaktionelle Arbeit im WCMS aufzubrummen, ist der falsche Weg.

Was bleibt einem ohne eigene Experten also übrig, als einen externen kommen zu lassen, der für teures Geld ein paar Folien an die Wand wirft und salbungsvoll das Blaue vom Himmel erzählt. Man muss ihm vertrauen und liefert sich aus. In den meisten Fällen geht das vielleicht noch gut. Geht es dann an die Umsetzung, wer prüft die Arbeit der angeheuerten Agentur, wer fühlt ihnen auf den Zahn? Hat man ambitioniertere Ziele, zum Beispiel eine iPhone-App, wer im Haus kennt vergleichbare Angebote, wer stellt die Anforderungen der Fachabteilungen zu einem agenturtauglichen Konzept zusammen? Wer kann einschätzen, ob das vom Dienstleister vorgeschlagene Werkzeug wirklich das richtige ist, um zig Gigabyte an Daten vernünftig durchsuchbar zu machen? Wer kann einen Designvorschlag auf Usability und User Experience hin bewerten? Wer liefert ein aussagekräftiges Reporting der E-Commerce-Aktivitäten und kann daraus konkrete Maßnahmen ableiten?

Wenn ein Verlag online vermarkten und verkaufen will, braucht er qualifiziertes, entscheidungsbefugtes Personal. Verlegerische Entscheidungen werden ja auch nicht Dritten überlassen.

Bild: Simone Haupenthal, CC-BY

PS. Siehe „Das Verlagsgeschäft mit Inhalten“ von 2009, in dem das Thema Personal ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.